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26.11.2012

Context: Nein danke - ich arbeite

Alkoholprobleme können sich negativ auf die Arbeit auswirken. Eine frühzeitige Intervention lohnt sich – sowohl menschlich wie auch betriebswirtschaftlich. Es gibt zunehmend Beratungsangebote.

Eine Milliarde Franken pro Jahr Mehrkosten verursachen Arbeitnehmende mit Alkoholproblemen. Dies geht aus einer Studie des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), der Suva und des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hervor. Schätzungen gehen von 5 Prozent alkoholabhängigen Berufstätigen aus. Sie sind in allen Branchen zu finden. Gemäss Sucht Schweiz hat der Alkoholkonsum am Arbeitsplatz folgende mögliche Auswirkungen:

  • Häufige Absenzen
  • Verschlechterung der Beziehung zu den Arbeitskolleg/innen
  • Verschlechterung der Arbeitsqualität
  • Produktivitätsminderung
  • Mangel an Initiative
  • Verminderte Aufmerksamkeit
  • Mehr Zwischenfälle und/oder Unfälle

Typisch ist ein Leistungsknick. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet vor, dass alkoholabhängige Personen mit einem 100-Prozent-Pensum nur so viel arbeiten wie Kolleg/innen mit einem 75-Prozent-Pensum. Das bedeutet auch einen finanziellen Verlust für den Betrieb. Gleichzeitig steigen womöglich die Kosten für Ausbildung und Rekrutierung, da die Fluktuationsrate aufgrund des verschlechterten
Arbeitsklimas eventuell zunimmt. Hinzu kommt ein Imageverlust des Unternehmens.

Nicht länger ein Tabu

Firmen setzen deshalb zunehmend auf Präventionsprogramme. Sucht Schweiz verzeichnet «eine erfreuliche Entwicklung hin zur Enttabuisierung des Themas». Der professionelle Umgang mit alkoholbedingten Problemen ist in vielen grösseren Unternehmen gar zu einem festen
Bestandteil der Personalpolitik geworden. Für ein Alkoholpräventionsprogramm sprechen diese Gründe :

  • Reduktion verdeckter Kosten
  • Erhöhung der Arbeitssicherheit
  • Handeln in Übereinstimmung mit dem Gesetz
  • Verbesserung des Arbeitsklimas
  • Wahrnehmen sozialer und ethischer Verantwortung

Laut der BAG-Studie haben rund 14 Prozent der befragten Firmen ein auf sie zugeschnittenes Präventionsprogramm, das durchschnittlich um die 9000 Franken kostet. Die Kosten-Nutzen-Bilanz wird von einer deutlichen Mehrheit als positiv bezeichnet.

Angebot für KMU

Kleinere Unternehmen können sich ein solches Programm allerdings nicht leisten. Gerade KMU aber sind sich der Thematik und Problematik besonders bewusst, da Personalverantwortliche und Chefs näher an den Angestellten sind. So geben in der BAG-Umfrage KMU denn auch mehr als doppelt so oft Probleme mit Alkohol am Arbeitsplatz an als grosse Unternehmen.

Sie erhalten Unterstützung zum Beispiel vom Blauen Kreuz. In den beiden Basler Kantonen werden seit zwei Jahren Präventionskurse zur Thematik Alkohol am Arbeitsplatz angeboten. In Zürich und Bern sind neu Kurse ausgeschrieben worden. Sie richten sich gezielt an KMU. Informiert wird darin über Alkohol und dessen Auswirkungen, über die Früherkennung und Frühintervention, über Personalführung und Alkohol. Auch das Recht ist Teil der Kurse. Geleitet werden sie von Beratenden, die mit anschaulichen und hilfreichen Fallbeispielen aus ihrer Praxis aufwarten können. Sie zeigen auch, wie und welche Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmenden getroffen werden sollen.

Zahlen und Fakten

Dieter Huber leitet die Kurse im Kanton Basel-Landschaft. Er ist Geschäftsleiter der Fachstelle Alkohol und Sucht des Blauen Kreuzes in Liestal. «Kantonal beraten wir Arbeitnehmende und Arbeitgeber seit Jahren», sagt er, «aber weil die Früherkennung bei einer Alkoholsucht sehr wichtig ist und wir festgestellt haben, dass hier grosse Unsicherheit herrscht, hatten wir die Idee zu diesen Kursen.» Am letzten nahmen 12 KMU teil. Wie schon in den Kursen zuvor kommen sie querbeet aus allen Branchen, von der Gastrobranche über den Bau bis zum Finanz- und dem Gesundheitswesen. «Wir beginnen jeweils humorvoll, sie dürfen als erstes ein Quiz machen», erklärt Huber. Danach folgen harte Zahlen und Fakten: Bei jedem fünften Arbeitsunfall ist Alkohol mit im Spiel. Bei jeder sechsten Kündigung spielt der Alkoholkonsum eine Rolle. Rund 1 Million Personen in der Schweiz haben einen gesundheitsgefährdenden  Umgang mit Alkohol.

Sie lernen, welche Faktoren unter anderem zu einer Sucht führen können: ständiger Termindruck, Stress, eintönige Arbeit, extreme Belastungen wie Lärm, Mobbing, Unter- und Überforderung, Versagensängste, Konflikte im Team oder mit dem Vorgesetzten, berufsspezifische Trinksitten und Angst vor Arbeitsplatzverlust. Sie erfahren, wieso co-abhängiges Verhalten (die Sucht wird gedeckt oder toleriert) allen Parteien nur schadet.

Anzeichen für das Problem

Wie aber erkennt man den Risikokonsum? Manchmal gar nicht. Immer wieder wird im Kurs die Frage gestellt, wie man vorgehen soll, wenn eine Person einwandfrei arbeitet, aber man von ihrem Alkoholproblem weiss. Hier rät Dieter Huber dazu, mit dem/r Mitarbeitenden auf kollegialer Ebene zu reden.

Es gibt aber einige Indikatoren, die auf ein Alkoholproblem hinweisen: Betroffene trinken nicht nur ein Feierabendbier, sondern mehrere. Sie konsumieren Alkohol beim Mittagessen. «Ihre Arbeitsleistung schwankt», weiss Huber. Es können Konzentrationsstörungen auftreten, es werden mehr Fehler gemacht und die Zuverlässigkeit ist nicht mehr unbedingt gegeben. «Ihre Reizbarkeit ist erhöht und manche Personen werden verschlossen.»

Sind solche Anzeichen vorhanden, soll interveniert werden, ohne gleich Verdächtigungen auszusprechen. Ein Vorgesetzter kann etwa die Leistungsschwankungen thematisieren und mit dem/r Angestellten vereinbaren, das Problem nach drei Monaten nochmals anzuschauen. Im Idealfall macht es beim Mitarbeitenden klick und es geht gut aus», meint Huber. Das sei sehr oft der Fall.

Gespräch zu dritt

Wenn Vorgesetzte jedoch keine Veränderung oder höchstens eine zum Schlechteren feststellen, müssen sie die Mitarbeitenden mit deren Sucht konfrontieren. «Dies ist sehr schwierig», weiss Dieter Huber. Die Kursteilnehmenden erfahren von ihm, wie sie solche Gespräche führen können. Es empfiehlt sich aber, die Suchtberatung aufzusuchen. «Wir sitzen dann zu dritt zusammen, besprechen das Problem und gleisen eine Vereinbarung auf.» Wichtig ist, dass der oder die Mitarbeitende die Verantwortung für sein/ihr Suchtproblem übernimmt und mitmacht.

Einerseits sei dies für den Beratenden eine schwierige Gratwanderung: Er müsse für beide Parteien einstehen und einen Kompromiss finden, so Huber. Andererseits sagt er: «Es ist sehr gut, wenn seitens der Firma ein konstruktiver Druck ausgeübt wird, wenn es eine Vereinbarung gibt. Dies hilft oft mehr, als wenn die Betroffenen privat zu uns kommen und die Sucht allein zu bekämpfen versuchen.»

Die meisten Vereinbarungen werden auf ein Jahr angesetzt. Und sie sind häufig von Erfolg gekrönt. Dieter Huber attestiert den Unternehmen auch viel Toleranz, sollte es den einen oder anderen Ausrutscher geben.

Einzelcoaching möglich

Die Präventionskurse enden mit der Aufklärung der Teilnehmenden über die rechtlichen Aspekte im Zusammenhang mit Alkohol am Arbeitsplatz. Damit ist dann aber nicht unbedingt Schluss. Das Blaue Kreuz bietet ein Follow-up an, ein Einzelcoaching, wenn der Bedarf da ist, für Vorgesetzte und/oder Mitarbeitende.

Beim Blauen Kreuz können auch unabhängig von den Kursen Einzelberatungen gebucht werden. Mit den Angestellten macht man eine Standortbestimmung und Beratung, den Vorgesetzten und Personalverantwortlichen werden in einem Gespräch mögliche Vorgehensweisen und geeignete Interventions- und Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Diese Dienstleistungen sind gratis. Was darüber hinausgeht, wird nach Aufwand berechnet.

Context (26.11.2012, PDF, S. 32/33)